Texte

Netze weben

Europäische Feuergöttinnen

In eigentlich allen frühen Kulturen spielte das Herdfeuer, die Feuerstelle, eine ganz zentrale Rolle, soweit uns bekannt ist. Es war der zentrale Punkt der Behausung, der Treff- und Wärmpunkt an dem gekocht und gegessen wurde und oft auch die Familientradition, Geschichten über Vorfahren und Gottheiten ausgetauscht wurden. In einigen Regionen - zum Beispiel in Norditalien - haben sich derartige Bräuche, Familienversammlungen um eine Feuerstelle mit Geschichtenerzählen, bis in das 20. Jahrhundert hinein gehalten. Obwohl in den meisten magischen- und heidnischen Traditionen das Element Feuer als männlich gilt, sind uns eine Vielzahl an recht ähnlichen Feuergöttinnen bekannt. Diese beziehen sich meist direkt auf das Herdfeuer, das in Obhut der Frauen war und Schutz, Mutterliebe und versorgt sein garantierte und symbolisierte.

Die bekannteste dieser Heim-Herd-und-Feuer-Göttinen dürfte heute Hestia sein. Die modern-heidnische Interpretation der Hestia ist eben die nährende, sorgende (Mutter-)Göttin, deren Präsenz den Wohnort und die Familie schützt, das Haus zum Heim macht und Stärke, Klarheit, Geborgenheit und Liebe schenkt. Ebenso könnte das Wissen um die Traditionen und AhnInnen sowie das Brauen von Heiltränken und magisches Kochen Hestia angerechnet werden, hierbei handelt es sich aber um meine persönliche Interpretation.

Hestia

Bei dem Versuch, die historische Göttin Hestia zu sehen, so wie sie zu den Hochzeiten ihrer Verehrung verstanden wurde, lernen wir aus der griechischen Mythologie, dass Hestia, die ältere Schwester Zeus, eine relativ eigenbrötlerische jungfräuliche Göttin ist, die alle Liebhaber abweist und auch gegen die Liebeszauber der Aphrodite immun ist. Sie hatte in der griechischen Gesellschaft eine hohe Stellung, zu sehen daran, dass das Feuer des Olymps ihr zu Ehren brennt und das Feuer ihres Tempels in Athen bei der Gründungszeremonie für neue Stadtstaaten verwendet wurde. Das olympische Feuer der olympischen Spiele ist vermutlich die Flamme Hestias.

Laut Plato bedeutet ihr Name, "die Essenz aller Dinge", weshalb sie - zumindest in modernen Interpretationen - auch mit dem inneren Licht jedes und jeder Einzelnen in Verbindung gebracht wird. Sie wird als die mildeste und netteste, ruhigste aller olympischen Göttinnen in der antiken griechischen Literatur beschrieben.

Nun ergeben die mütterliche (moderne) und die jungfräuliche (antike) Interpretation der Hestia eine gewisse Diskrepanz, die Charakterisierungen lesen sich recht unterschiedlich. Ein Grund hierfür ist die unterschiedliche Bedeutung von "Jungfräulichkeit", die dem älteren Verständnis nach nicht zwingend Keuschheit oder Unberührbarkeit bedeutet, sondern vielmehr die Bezeichnung für eine unverheiratete Frau ist - unabhängig von den sexuellen Aktivitäten. Das allein ist aber als Erklärung der unterschiedlichen Beschreibungen kaum ausreichend. Die Tatsache, dass das Feuer nicht Hestia symbolisiert, sondern Hestia IST und nur wenige (eher späte) Abbildungen in menschlicher Gestalt von ihr existieren und eben auch keine Liebesgeschichten oder Ränke, kann auch darauf hin deuten, dass Hestia eine vor-hellenische Göttin ist, die älter ist als das antike Griechenland.

Die Göttinnen der griechischen Kultur sind voraussichtlich alle verschwommene und verformte Abbilder älterer Göttinnen, was z.B. an Artemis gut zu sehen ist. Auch hier wandelte sich eine umfassende Muttergöttin (dargestellt in der vielbrüstigen Fruchtbarkeits-Artemisstatue von Ephesos) zu einer, vereinfacht gesagt, eher verschrobenen männerlosen Frau. Das antike Griechenland war nämlich nicht nur die Wiege der Demokratie sondern vor allem eine der wichtigen Blütezeiten des klassischen Patriarchats im Sinne einer Väterherrschaft, so dass allzu wichtige und umfassende Göttinnen keinen Platz im Götterhimmel hatten und sich den herrschenden Gesellschaftsstrukturen unterordnen mussten, zumindest in der Mythologie (Dieses Thema ist in den Büchern von Göttner-Abendroth nachzulesen).

Vesta

Ebenfalls eine Herdfeuer-Göttin ist die römische Vesta. Auch hier findet eine Gleichsetzung der Göttin mit dem Feuer statt und sowohl zuhause am Herd als auch in einem großen Tempel im Zentrum Roms verehrt. Teile des Tempels bzw. der Tempelanlagen, die für die Priesterinnen vorgesehen waren, sind heute noch erhalten. Die Vestalinnen, die Priesterinnen der Vesta, waren Jungfrauen aus guten Familien, die im Kindesalter (zwischen 6 und 10 Jahren), den Dienst im Tempel antraten, der mit einer zehnjährigen Ausbildung begann und zu dem sie sich für insgesamt 30 Jahre verpflichteten. Schon allein das Alter der angehenden Priesterinnen macht deutlich, dass bei den Vestalinnen durchaus eine Jungfäulichkeit im sexuellen Sinne zu verstehen ist, Diese wurde streng geschützt und jegliche Annäherung oder gar Gewalt mit dem Tode bestraft.

Bilder der Tempelruine in Rom Auch in Rom wurde das Feuer der Vesta mit dem beschützenden Feuer / Geist für die Stadt, Nation und Gesellschaft gleichgesetzt, sie war somit die Göttin des Staates. Ein Erlöschen des ewigen Lichts wäre als Untergangsomen gedeutet worden. Die oberste Priesterin der Vestalinnen diente in Zeiten einer Belagerung Roms als Friedensvermittlerin.

Vesta hatte also eine ganz ernorme Bedeutung, sie gilt auch als eine der ältesten Göttinnen Roms. In ihrem Tempel, der einzige Rundtempel, war kein Abbild der Göttin aufgestellt, die ewige Flamme war das Abbild bzw. die Göttin selbst. Der Zutritt zum Tempel war Männern verwehrt und das Allerheiligste, war sogar dem römischen Pontifex Maximus, dem die Vesta-Priesterinnen unterstanden, verboten. Der Großteil der Quellen und Forschungen zu Vesta bezieht sich auf ihren Aspekt als Staatsgöttin und ihren römischen Tempel. Eine eigene Mythologie konnte ich bei meinen Recherchen zu Vesta nicht finden, es wird hier immer auf die Mythologie der Hestia verwiesen. HistorikerInnen sind sich aber einig, dass Vesta und Hestia zwar große Ähnlichkeiten aufweisen und auch Vermischungen, dass Vesta aber eine eigenständige italische Göttin ist, deren Wurzeln weit zurückreichen. Eine Theorie dazu lautet, dass in vorrömischen Clan-Strukuren das heilige Feuer in der Hütte des Clan-Chefs von den Töchtern gehütet und verehrt wurde, dass der Sippe Schutz und Wohlstand gewährte. Dies sei voraussichtlich zurückzuführen auf weitaus ältere Traditionen, das Feuer bei einem Umzug oder nomadischem Leben mitzunehmen und so an dem neuen Siedlungsort wieder zu entzünden. Autorinnen und Matriarchatforscherinnen gehen davon aus, dass dies in prä-antiken Zeiten durch die Weitergabe des heiligen (Herd-)Feuers von der Mutter an die Tochter darstellte, die damit ihr neues Zuhause segnete. Was Vesta angeht, so herrscht Unstimmigkeit darüber, ob sie wirklich auch in Privathaushalten Roms verehrt wurde. Zuhause wurden und werden nämlich in Italien am Herdfeuer auch die Lare, eine Art Schutzgeister sowie die AhnInnen-Geister, verehrt. Patricia Monaghan weiß über Vesta noch zu berichten, dass an einem ihrer zwei Festtage die Mütter Roms Brot opferten und die Vestalinnen über dem Tempelfeuer Salzgebäck als Opfergabe herstellten. Dies weißt wieder auf eine gleichzeitige Verehrung zuhause und im Staat hin.

Brigid

Die dritte, ebenfalls sehr bekannte Feuergöttin ist die keltische Brigid, auch wenn diese meist nicht als Herdfeuergöttin betrachtet wird. Brigid ist eine sehr widersprüchliche und komplexe Gestalt, deren Kult noch so lebendig ist, wie sonst kaum einer in Europa. Für Brigid, die auch als Brigantia, Brighid, Bride oder Brigantu und ähnlichen Namen bekannt und mit der Gerstalt der heiligen St. Bridget verschmolzen ist, sind eine ganze Reihe von Charaktereigenschaften überliefert. Sie wird heute als dreifältige Göttin gesehen, die für Heilkunst, Schmiedekunst und Poesie sowie Hellsicht zuständig ist, ihr Attribut und Kennzeichen ist die Flamme.

Sie ist aber noch mehr. Sie ist eine Beschützerin vor allem Übel. Sie schützt allem Frauen, sowie das Heim und Babies. Neugeborene wurden und werden traditionell mit dem Schutz (St.) Brigids versehen.

Außerdem ist sie eine Fruchtbarkeitsgöttin, die über Felder und Früchte gebietet. Sie wird auch als Hirtin bezeichnet. Ihre Tiere sind das Mutterschaf, die Kuh, der Hahn und die Schlange ebenso wie der Eber und der Widder. Neben der Flamme sind weitere ihr zugeordnete Attribute die Getreidegerten, der Kessel sowie regional-verschiedene Formen eines Brigitte-Kreuzes, das Ähnlichkeit mit einem Sonnenrad aufweist. Neben diesen Zuordnungen ist Brigid auch eine Göttin des Wassers. Noch heute ist ein heiliger Brigid-Brunnen in Irland bekannt. Sie wurde und wird sowohl in Form einer Muttergöttin (Maria von Irland) als auch in Form der jungen Frau des Frühlings verehrt. Es sind auch Überlieferungen bekannt, sie sei "zweigesichtig": wunderschön und abstoßend hässlich. In der Mythologie ist sie die Tochter des Gottes Dagda. Sie ist verheiratet und hat Kinder, wobei - je nach mythologischer (regionaler und zeitlicher) Ausprägung -entweder ihr einziger Sohn stirbt oder einer ihrer Söhne den Vater tötet. Einige AutorInnen sehen sie als identisch mit Cerridwen und / oder Danu, beides wichtige keltische Göttinnen, die stark ausgeprägte Aspekte einer komplexen Muttergöttin aufweisen. Danu oder Dana z.B. gilt als Urgöttin der Iren.

Auch die vielfältige Brigid hatte - zumindest zeitweise - ein Feuerheiligtum mit einer ewigen Flamme. Zu einem Zeitpunkt, als Irland schon christianisiert war, wurde in Kildale noch ein Frauentempel mit ewiger Flamme ins Leben gerufen oder weitergeführt. Dies wird heute der heiligen Bridget zugeschrieben, die eine Art Kloster dort geführt haben soll. Es ist aber historisch unklar ob und wann Bridget gelebt hat, der Tempel ist aber mehrfach erwähnt und heute noch bekannt. Höchstwahrscheinlich geht dies auf ein altes keltisches Heiligtum zurück, der Name Cill Dara (Kirche der Eiche), lässt auf ein Baumheiligtum schließen. Erst unter Heinrich VIII. soll die Flamme dieses Heiligtums erloschen sein, heute ist sie anscheinend wieder entzündet.

Brigids Name bedeutet, je nach Interpretation der AutorInnen, "glänzender Pfeil", "die Strahlende" oder "Kraft" oder die Wiedergeborene, Wiederentdeckte.

Brigid ist auf den ersten Blick eine wirklich verwirrende Göttin. Sie ist verbunden mit Feuer und Wasser, Sonne und Mond und Fruchtbarkeit (Erde), Heilung und Hexerei, Schutz, Weiblichkeit, sowie Mutter und Jungfrau. Schon allein diese Aufzählung macht deutlich, warum Brigid letztendlich nur eine vorkeltische Göttin sein kann: sie ist zu umfassend. Als die Kelten nach Frankreich, Irland, Wales, Schottland und England kamen, waren diese Gegenden keineswegs leeres Land sondern bereits bevölkert, auch wenn von dem Volk nur wenig bekannt ist. Die keltische Mythologie mit einem Pantheon unter Herrschaft eines Gottes verschmolz dann mit der - vermutlich matriarchalen Mythologie einer Gesamtgöttin oder einer Göttin des Landes und des Stammes. Ähnlich wie in der griechischen und römischen Mythologie sind auch hierfür heute noch Spuren zu erkennen, letztendlich sogar deutlichere Spuren, weil Patriarchalisierung der Gesellschaft nicht so erfolgreich war (vermutlich weil die einwandernden Kelten eine eher kleine, vielleicht vornehmlich aus Kriegern bestehende Gruppe waren).

Zusammenfassend lassen sich starke Gemeinsamkeiten zwischen Hestia und Vesta erkennen, schwieriger ist es jedoch mit Brigid. Da aber Hestia und Vesta heutzutage immer als ein und dieselbe Göttin abgehandelt werden, obwohl Vesta klar bewiesen keine Adaption von Hestia ist, und die Tatsache, dass von der einen eher die Zeremonie ihrer formellen Anbetung und von der anderen die Mythologie überliefert ist, macht ein klares Bild beider Göttinnen in der Abgrenzung zueinander schwierig. Bei beiden ist aber die grundlegende Bedeutung des Herdfeuers und die daraus resultierenden Eigenschaften und Merkmale der Göttin noch ersichtlich.

Bei genauerer Betrachtung reiht sich auch Brigid in die Gruppe der alten, vermutlich sogar ursprünglich matriarchalen, Herdfeuergöttinnen ein, wenn auch mit einigen Besonderheiten. Sowohl Brigid als auch Hestia und Vesta haben als Feuerstellengöttinnen starke Schutzfunktion. Von Brigid ist nicht bekannt, dass diese auch eine Funktion als Staatsbeschützerin wahrgenommen hat, was vermutlich auf das nicht vorhandene Staatsverständnis der KeltInnen zurück geht.

Sowohl bei Hestia als auch bei Brigid wird das Feuer auch als innere Flamme verstanden, die die Lebewesen charakterisiert, bzw. ihnen Erleuchtung, Liebe und Kunstformen schenkt. In den typischen Brigidkünsten, der Schmiede, Poesie und Heilung (Medizin im Kessel kochen) ist der Bezug zum Feuer erkennbar, trotz der mannigfaltigen weiteren Zuodnungen.

Die der Hestia und Vesta typischen Verehrungsform des (Jung-)Frauentempels mit ewigem Feuer ist aber nicht zwingend ein Indiz für die Ähnlichkeiten der drei Göttinnen, weil dies prinzipiell auch erst mit der Romanisierung ins Keltenreich gekommen sein kann. Während jedoch Hestia und Vesta relativ eindeutig auf eine Herdfeuergöttin zurückgehen, auch wenn diese in der Ursprungsform komplexer und mächtiger gewesen sein könnte, so ist bei Brigid zwar auch die Ausprägung der Herdfeuergöttin zu finden, aber dies ist höchstens einer von mehreren Aspekten.

jana, 18.03.2003

- Originaltext veröffentlich auf den Nebelpfaden - der heidnischen Suchhilfe - Auch im Osten Europas sind Herdfeuergöttinnen übrigens bekannt und wichtig, diese fehlen hier leider noch