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Flora

Flora ist eine klassische Göttin aus dem italisch-römischen Bereich, die in die europäische Kulturgeschichte einging. Sie ist die Göttin der Blumen und der Gärtnerei, sowie des Frühlings. Flora heißen nämlich heute nicht nur viele Blumenläden, sondern es ist auch der bekannte Fachbegriff für die Pflanzenwelt. Sie wurde im Zuge der Renaissance (in der Übergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit) derart beliebt, dass sie bis heute überdauert hat und es eine größere Anzahl von Gemälden und Statuen gibt. Wer aber Flora nun genau war und wo ihre Ursprünge liegen, ist - wie so oft bei Göttinnen - eher unklar.

Flora historisch betrachtet Flora ist eine Göttin, die die RömerInnen von dem Volksstamm der SabinerInnen übernommen haben sollen. Sie wäre vom sabinischen König Tatius (der zusammen mit Romulus vermutlich în der Mitte des 8. Jahrhunderts vor Chr. regierte) eingeführt worden, so behauptet ein römischer Autor ca 47 v.u.Z. Details über Flora aus dieser Zeit sind keine bekannt. Im heutigen Italien lebten auf engstem Raum derart viele unterschiedliche Volksstämme mit unterschiedlichen Mythen und Traditionen, die sich gegenseitig immer wieder befruchteten (und bekriegten), dass heute nur noch schwer ein Durchfinden ist. Die EtruskerInnen, über deren vor-römische Kultur etwas mehr bekannt ist, kannten ebenfalls eine Blumengöttin, Alpena oder Alpana genannt. Auch hier ist allerdings unklar, ob es sich tatsächlich auch im Verständnis der EtruskerInnen um eine Göttin handelte oder vielleicht eher um einen Pflanzengeist oder ein Pflanzenwesen oder eine andere Wesenheit, worauf die bildliche Darstellung mit Flügeln hinweisen könnte, wie sie nämlich vor allem für eine Art Naturgeister angewendet wird.

Das älteste direkte archäologische Zeugnis von Flora stammt ungefähr aus dem Jahre 240 v. u. Z.: Die Tafel von Agnone, die in der Region Molise ca. 200 km östlich von Rom gefunden wurde. Dort ist Flora im Zusammenhang mit Ceres erwähnt und sind Tempel verzeichnet.

Der einzige bekannte vorcäserianische Kalender erwähnt keinen Festtag der Flora, der Fasti Praenestini über kaiserliche Festtage (aus dem Jahre 9.-6 v.u.Z) erwähnt sehr wohl Festtage zu Ehren Floras, zumindest die Erläuterungen dazu wurden aber erst um 10-22 u.Z hinzugefügt. Es ist also historisch unklar, wann in welchem Zeitraum genau die Festtage zu Ehren Floras im römischen Kalender vorkamen und auch scheinen sie nicht immer jährlich begangen worden zu sein. Zu den Floralia später mehr.

Auch ist bekannt, dass Rom einen Floratempel besaß, das Gründungsdatum ist jedoch unklar und kann 244 oder 288 v. Chr sein. Der Tempel lag auf dem Aventinus Hügel in direkter Nähe zum Tempel von Ceres, Liber und Libera und zum Circus Maximus.

Eine weitere Erwähnung Floras gibt es in der Geschichte von Florenz. Zwar war die Gegend von Florenz schon sehr lange besiedelt (mind. bis ins 10. Jahrhundert v.u.Z.) und auch eine etruskische befestigite Siedlung Fiesole dort bekannt, aber als Stadtgründungsdatum wird oft die römische (Neu)-Gründung nach dem Sieg über die EtruskerInnen genannt: Die Gründung von Florentia im 1. Jahrhundert v. u.Z. zur Zeit der Floralia - der Festtage Floras.

Über die Ludi Floralia, die Spiele an den Festtagen und den Festbräuchen generell ist relativ viel bekannt. Vor allem auch deshalb, weil sich spätere Autoren immer wieder über die Sittenlosigkeit des Festes beschwerten: Es war ein sehr fröhliches Fest, dass mit bunter Kleidung, Blumenschmuck, Gesängen, Gelagen und viel Wein vom 28. April bis 3. Mai gefeiert wurde. Der öffentliche Teil des Festes enthielt öffentliche Spiele: fröhliche kleine Theaterstücke, zum Teil aufgeführt von Prostituierten, ein Rituelles Jagen (mit Netzen) von den Fruchtbarkeitstieren Hase und Ziege. Alles in allem war es ein sehr ausgelassenes Fest, bei dem sich Tänzerinnen auch entkleideten (sie werden als Prostituierte überliefert) und allerlei Sex- und Fruchtbarkeitssymbole und Rituale eine Rolle spielten.

Den ältesten mythologischen Hinweis gibt Ovid. Ovid setzt Flora mit der griechischen Nymphe Chloris gleich, die durch Homer bekannt ist. Diese Chloris wird durch den griechischen Gott des Westwindes Zephyr geraubt und vergewaltigt und ehelicht und somit in Flora verwandelt. Diese Geschichte ist nirgendwo in der griechischen Mythologie erzählt, auch ist Ovid natürlich keiner der Flames Floralis der Florapriester(Innen?). Ich schließe mich der Autorin Brielmaier an, die nahe legt, dass zu Lebzeiten Ovids zwar die rauschenden Feste des Festtagskalenders gefeiert wurden, der tiefe religiöse Sinn aber bereits verloren war. Ovid als Dichter schrieb meines Erachtens einfach eine neue Geschichte über Flora, im Geiste der Zeit, die dann von späteren Dichtern noch entsprechend ausgeschmückt und verschlimmert wurde.

Flora persönlich Auch wenn Ovid Flora mater floralis nennt (bevor er sie im nächsten Satz mit der jungfräulichen Nymphe Chloris gleichsetzt), gibt es kein Zeugnis mehr über eine mütterliche Bedeutung Floras. Sie präsentiert sich durch die Jahrhunderte hindurch als Jungfrau von berauschender Schönheit. Sie ist sozusagen die klassische junge Göttin: wunderschön, jung, fröhlich, ausgelassen, ungebunden und sexuell freizügig. Ich konnte mich zuerst aus diesem Grunde wenig mit ihr anfreunden: Es schien mir oberflächlich betrachtet so unfeministisch, passt zu gut in ein patriarchal geprägtes Weltbild. Flora selbst hat für so etwas allerdings nur Lachen übrig: Immerhin ist sie völlig selbstbestimmt und zudem ziemlich frech, verspielt und sexy: die brave wohlerzogene Patriarchen-Tochter sucht mensch in ihr vergeblich, es ist ja nicht einmal ein Vater überliefert. Überhaupt ist sie für gute Laune immer zu haben und verbreitet liebend gerne Lächeln und Lachen, Schalk, Freude und Ekstase. Auch wenn sie auf den Renaissance-Bildern (der Zeit angemessen) eher schreitet, oft mit der Welt entrücktem Blick, kenne ich sie eher hüpfend und tanzend. So zieht sie auch im Frühling über das Land, dann wenn der Tanz und die Ausgelassenheit in der Luft liegt. Flora ist keine thronende Göttin mit großem Herrschaftsgebiet und staatstragender Funktion- auch keine allumfassende Große Göttin - sie scheint oft feenhafter: Sie regiert nicht, sie spielt, auch Verantwortlichkeit oder dunkle Aspekte sind in ihr nicht zu finden. Aus diesem Grunde finde ich die römische Klassifizierung als niedere Göttin durchaus nachvollziehbar und nicht abwertend. Ich würde Flora auch beflügelt (im etruskischen Sinne) darstellen, um sie näher an die Pflanzengeister zu rücken: Die personfizierte Gestalt des Frühlingsüberschwang, der die Welt erfasst.

jana