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Netze weben

Der Versuch, den Göttinnenglauben zu erklären.

Ein paar Worte vorweg: Ich möchte niemanden von seiner Religion zu einer anderen bekehren! Ich möchte nur denen, die es interessiert, erklären, was sich hinter dem Göttinnenglauben verbirgt (wie ich ihn sehe).

Der Glaube an die Göttin

Es gibt immer mehr Menschen die an die Göttin glauben. Der Glaube ist unglaublich alt (viele halten ihn für den ältesten Glauben der Menschheit) und sehr jung gleichzeitig. Es ist kein formalisierter Glaube, über den PriesterInnen, Oberhäupter oder andere bestimmen. Es gibt keine Offenbarungsschrift, kein heiliges Buch. Es steht jedem und jeder frei, unter seinem/ ihrem Glauben etwas anderes zu verstehen als jemand anderes. Deshalb ist dieser Text auch nicht allgemeingültig.

Eine Naturreligion

Warum heute immer mehr Menschen zu den Naturreligionen zurückkehren ist nicht schwer zu beantworten. Die Gründe dafür haben wir alle schon oft gehört: Umweltverschmutzung, zunehmend "entfremdete" Lebensumstände, fehlender moralischer Rückhalt, Werteverlust, Niedergang der großen christlichen Kirchen.

Die Natur als solche, der ganze Planet, das Leben an sich, dies ist für mich die Göttin. Wenn Du schon einmal das Wachstum einer Pflanze bestaunt hast, Dich über einen Schmetterling freust, einen großen, alten, Baum bewunderst, spürst Du etwas davon, was ich meine. Die Natur ist nicht Schöpfung eines außenstehenden Gottes, die wir beherrschen müssen, sie ist vielmehr das Leben und das Göttliche schlechthin. Ein ewiger großer Kreislauf des Lebens: Die ganze Natur befindet sich in einem ewigen Kreislauf, einem ewigen Spiraltanz. Von Frühling nach Winter (und zurück) von Morgen nach Abend (und zurück) von dem Samen bis zur Pflanze (und zurück), von dem Kätzchen zur Katze (und zurück)... Dieser Kreislauf steht jenseits der Macht der modernen Menschen.

Die Natur als Mutter

Warum Göttin und nicht Gott? Nun, seit jeher haban die Mehrzahl der Religionen und Völker die Natur als lebensspendene Mutter verehrt. Dies ergibt sich aus dem gesagten: ohne die Natur kann der Mensch - auch der heutige Mensch - nicht leben.

Eine feministische Religion (?)

In gewissem Sinne ja. Denn auch die männliche Gott-Vorstellung als der Übervater (mit dem auch das klassische Patriarchat erklärt wurde) der Christen ist (mindestens) mitverantwortlich an der geschichtlichen Unterdrückung der Frau. Es gibt selbstverständlich feministische Herangehensweisen an den Göttinnenglauben (siehe z.B. Hannelore Votier). Denn nach feministischen Forschungen ist der ursprünglich Göttinnenglaube verknüpft mit einem historischen Matriarchat. Dies ist jedoch (leider) in der Forschung umstritten und schwer belegbar. Verständlich ist auch, daß der Glaube an die Göttin heutigen Frauen (und Männnern!) ein anderes Selbstbild, Gesellschaftsbild und einen anderen Blick auf die Rollenverteilung /-zuschreibung vermittelt.

Göttin oder Göttinnen?

Ich unterteile die verschiedenen Ansichten in vier große Gruppen. Damit ist nicht der Glaube jedes und jedereinzelnen abgedeckt, aber die groessten Stroemungen. In der Realität des Glaubens jedes/jeder einzelnen sind meistens mehrere Gruppen vermischt.

Die matriarchale Ur-Göttin Die meines Erachtens feministische Herangehensweise ist der Glaube an die Göttin als Ur-Religion. Die Göttin als Mutter und Herrscherin, die die Macht des Weiblichen verkörpert. Dargestellt als die "Venus von Willendorf", die Göttin von Catalhöyük, Ishtar, Innanna oder der Isis zur Zeit des "Ur"-Isis-Kultes oder Gaia als die Natur.

Die dreifache Göttin Die meiner Ansicht nach am verbreiteteste Interpretation ist die dreifache / dreifaltige Göttin, die sich als Jungfrau, Mutter und alte Frau zeigt. Jungfrau ist dabei nicht zwingend im christlichen Sinne wörtlich zu nehmen. Oft auch bezeichnet als Kriegerin, Königin und Zauberin/Hexe/alte Frau. Diese drei Wesensarten der Göttin entsprechend den Mondphasen (siehe Kapitel zum Mond), dem Lebenslauf der Menschen (bzw. natürlich speziell den Frauen) und auch der Natur. Die Jungfrau/Kriegerin wird gleichgesetzt mit der Jugend, dem neuen Mond, dem Frühling. Die Mutter/Königin ist die Lebensmitte, Sommer, voller Mond. Die alte Frau der letzte Lebensabschnitt, der Winter, der abnehmende Mond. Manche Kulturen und

Die (üblichsten) Attribute der Jungfrau / Kriegerin sind Tatendrang, Mut, Freiheit der Mutter Sorge, Liebe, Schutz und der alten Frau Weisheit, Kenntnis der Mysterien sowie der Tod.

Setzt man diese drei Gesichter der Göttin mit dem Kreislauf der Naturzusammen, so entsteht daraus der religiöse Jahreskreis - wie ihn alle europäischen heidnischen Religionen gefeiert haben und heute wieder feiern.

Die Göttinnen einzelner Glaubensrichtungen Die grossen Pantheone der griechischen, römischen, ägyptischen und germanischen Mythologie (u.a.) kennen mehrere Göttinnen und Götter denen einzelne Attribute sowie Herrschaftsbereiche zugeteilt sind. Die feministische Interpretation wäre, daß aus der Urreligion der Mutter erst ein und dann mehrere Götter hinzukamen. Viele dieser Religionen haben oder hatten zeitweise eine Frau als Göttermutter oder Schöpferin der Welt.

Die Göttin der zehntausend Namen. Alle Namen und Gestalten der zahllosen Göttinnen in den Weltreligionen sind nur andere Namen und bestimmte Wesensmerkmale der einzigen grossen, allumfassenden Göttin Alle Göttinnen sind eine Göttin... (alle Götter sind ein Gott).

Jetzt wo ich dieses geschrieben habe, fällt mir auf, daß ich eigentlich nicht verschiedene Glaubensrichtungen beschrieben habe, sonder die Gesamtheit des Göttinnenglaubens, die aber jede Person anders gewichtet.

Und die Männer?

Es gibt keinen Grund, warum nicht auch Männer an die Göttin glauben sollten/ könnten. Vielleicht mag es ihnen schwer fallen sich mit weiblichen Elementen auch in ihrem Wesen zu beschäftigen und die Rollenzuweisungen zu durchbrechen? (Es gibt sie im übrigen auch, die Männer, die an die Göttin glauben. ;-) )

In vielen Religionen hat die Göttin einen Gefährten. Denn im Laufe der Jahres trifft sie auf den jungen Gott, sie lieben sich, leben und herrschen zusammen bis der Gott zu Winteranfang stirbt oder von der Göttin getötet wird. Oft steigt die Göttin dem Toten nach in die Unterwelt (z.B. Ishtar) um ihn zurückzuholen. (= Winter). In anderen Religionen ist der Gott die Sonne, die die Göttin (die Mondin) liebt aber nie erreichen kann. Es gibt selbstverständlich noch zahlreiche andere Interpretationen.

Der gravierendste Unterschied in der schimmernden Vielzahl der Glaubensmöglichkeiten besteht in dem Punkt, ob man/frau auch an einen Gott (beispielsweise als Gefährte der Göttin) glaubt oder an die Göttin alleine.

Was ist mit dem Mond?

Der Mond wird traditionell seid ewigen Zeiten als mit der Frau verbunden gesehen. In vielen Religionen war er Zeichen, Symbol, Erscheinungsbild der Göttin . In der Mehrzahl der Sprachen ist das Wort für Mond weiblich - weshalb auch im neuen, feministischem Deutschen öfters das Wort Mondin zu hören ist. Die Mondin, die die Meere der Welt bewegt und in einem ewigem Zyklus ihre Form verändert wird als weiblich gesehen, oft sogar als verantwortlich für die Menstruation der Frauen, vielleicht sogar für das Zeugen von Kinder, bevor die Rolle des Mannes bekannt war (;-) ) . Ihre Anziehungskraft bewegt die Meere, bei Vollmond können viele Menschen nicht schlafen, es verändert sich rapide die Verbrechensstatistik, haben manche Pflanzen wissenschaftlich erwiesen eine stärkere oder andere Zusamemnsetzung ihrer Säfte und Wirkstoffe. Ich könnte noch stundenlang über das Wirken des Mondes schreiben, aber wichtig in diesem Zusammenhang ist nur die Verbindung Göttin - Mond. So wird auch in diesem Webprojekt der Mond in seinen drei "Erscheinungsformen" )O( als Symbol der Göttin verwendet. Und eines ist der Mond ganz gewiss: mystisch und geheimnisvoll.*

Der Text ist aus dem Jahre 2000 (glaub ich) jana