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Sagenbetrachtungen

Holle als (matriarchale?) Erdgöttin / große Göttin

Ich halte Holle / Hulda / Bertha für eine alte Göttin, vielleicht sogar älter als das Germanen- und Keltentum in der Alpenregion, wie ich annehme. Historisch kann ich das nicht belegen, wie auch. Ich denke aber, dass es ähnlich war, wie überall sonst in Europa auch, dass die GermanInnen, KeltInnen (und auch SlawInnen, aber die sind für diese Region nicht wichtig), ältere Religionen und Lebensweisen mit ihrer vermischten. Für die InselKeltInnen ist das schön in dem Buch „Als die Göttin keltisch wurde“ dargelegt. Wenn ich mich an der Interpretationsweise von Sagen von Kurt Derung orientiere, die ich äußerst schlüssig finde, dann gibt es auch einige Hinweise auf die alte Bedeutung Holles im Sagengut.

Sigrid Früh berichtet von einer Sage namens „Frau Berchtas Auszug“, die aus dem Thüringen kommt.

„Im Saaletal zwischen Buchau und Wilhelmsdorf hatte Berchta, die Königin der Heimchen ihren Wohnsitz und ihre unsichtbare Nähe verbreitete Glück, Gedeihen und Heiterkeit über die ganze Flur.

Mit den Heimchen aber waren die Einwohner so befreundet, dass sie sich bei ihrer Arbeit an den Spielen und Neckereien der Kleinen, an ihrem plötzlichen Erscheinen und Verschwinden ohne Furcht und Scheu ergötzten.“ So beschreibt die Sage den glücklichen Ausgangszustand – die heidnische Lebensweise, bei der Holle und die Heimchen bei den Menschen wohnten. Dieser Zustand erfährt ein jähes Ende als „ein Mann aus der Ferne“ kam „und sagte, man dürfe der Berchta nicht trauen. Die Kleinen, über die sie regiere, das seien Menschenkinder, die vor der Taufe verstorben und dadurch Berchta zum Eigentum verfallen wären. Einmal im Jahr, in der Nacht vor dem Heiligen Dreikönigsfeste sei ihr die Macht gegeben, ihre Tücken an den Menschen auszuüben“. Dies ist nun die komplette Umkehr bzw. Verteufelung dessen, was die Menschen von Holle glaubten / wussten, wie auch durch andere Sagen belegt ist. Die Heimchen werden meist als Kinderseelen bezeichnet, sind also sehr wohl tote Kinder. Aber da Frauen von der Holle an Teichen, Brunnen oder anderen speziellen Orten, auch ein Kind geschenkt bekommen können, beinhaltet dies den Wiedergeburts- Gedanken. „Eigentum“ ist einfach nur eine Verleumdung :) Und die Nacht zum 6.1. ist tatsächlich die Nacht, in der die Macht der Holle am sichtbarsten ist, am nächsten an den Menschen, weil sie dort auf Erden wandelt und es also eine magische- sprich böse im christlich-missionarischen Sinne- Nacht ist. Wegen dem Hinweis auf die ungetauften Kinder und dem Dreikönigstag nehme ich stark an, dass dieser Fremde Mann(!) ein christlicher Priester ist. Wie Kurt Derung an vielen Beispielen in seinen Büchern schön darlegt, gibt es in vielen Regionen Geschichten, die ähnlich lauten, nicht nur mit der Holle: Es gibt einen wundervollen heidnischen Urzustand, bei dem die Landesgöttin über die Menschen wacht und die Ernten gut sind. Und mit einem neuen König / Landbesitzer oder anderen Männern (immer nur Männer) ändern sich die Verhältnisse und die Göttin wird vertrieben. Da in diesem Sagentypus der Umbruch immer von Männern eingeleitet wird, verdeutlicht das nicht nur das aufkommende missionierende Christentum sondern auch die Wandlung der Geschlechterrollen und zunehmende Patriarchalisierung der Gesellschaft unter der neuen Ordnung.

Auch in dieser von Sigrid Früh nacherzählten Sage, verlässt die Holle mit den weinenden Heimchen die Region, nachdem die Menschen anfangen Angst vor ihr und den Heimchen zu haben. Allein das typische Ende fehlt. Die von Sigrid Früh erzählte Sage endet nicht mit dem ansonsten häufig vorgefundenen Verweis, dass danach die Ernten schlecht wurden, die Leute hungerten und traurig wurden.

Die schweizer Sage von Königin Bertha, die Nephtis mir schilderte, verdeutlicht die Stellung die Bedeutung der „Königin“ Bertha. Die Beschreibung des heidnisch-idyllischen Ausgangszustandes ist dort besonders farbenprächtig und mit deutlichem Hinweis auf die weibliche Stellung: ''„Bertha habe es fertig gebracht, dass es unter den Mädchen und den verheirateten Frauen in ihrem land kaum mehr Zank gab. Abends saßen sie in den Stuben, bei schönem Wetter im Freien, und arbeiteten fleißig an ihren Spinnrädern, sangen dazu Lieder und erzählten alte, weise Geschichten. Und dabei fiel kein einziges böses Wort! "Unter all den Menschen, die ihren Tag im Sinne der Königin des Friedens abschlossen, bestanden nur liebevolle Beziehungen. So mochten zwar die Kriegsmächte der Saraszenen und Ungarn eindringen, doch gelang es ihnen nicht, die hiesigen Menschen gegeneinander aufzubringen- und das Volk dann zu unterwerfen. So herrscht im Burgund der Königin Bertha die Liebe zwischen verschiedenen Stämmen und sogar zwischen Mensch und Tier. Das Schnurren der Spinnräder ließ die Lieder oder Geschichten sich immer eindringlicher in den Köpfen der Spinnerinnen ausbreiten und regte ihr Träumen an - und nicht selten wurden dann diese Träume auch wahr.

Die jungen Männer kamen zu den spinnenden Frauen und beschützten die Mädchen auf deren Heimweg, damit sie nicht von den in den Kriegen eingedrungenen Räubern belästigt wurde. Zwischen manchen Paaren wuchs dabei die Liebe. "So wurde auf den Spinnrädern Berthas das Glück gesponnen.

Wo Menschen heutzutage friedlich beieinander sind, da sagt mensch "es ist wie in den fernen Tagen der Königin Bertha“ (Quelle: "Sagen der Schweiz" von S. Golowin)''

Aus der Göttin wurde die Königin, letztendlich ist ja eine Göttin des Landes im heidnischen Sinne eine Art Königin, sie schützt und beschenkt die, die dort leben und sie ehren. Die Sage betont nicht direkt das offensichtliche, aber es ist darin enthalten: diese schönen, friedvollen Tage sind vorüber, Bertha regiert nicht mehr. Sie hebt wunderbar die Unterschiede hervor: Friede, liebevolle gleichberechtigte Beziehungen zwischen den Geschlechtern, im Einklang mit der Natur leben, lebendige Magie und eine starke, geschützte Stellung der Frau. All das gibt die Sage quasi an, ist in der neuen Ordnung verloren worden. Interessant ist auch der Hinweis „dass es unter den Mädchen und den verheirateten Frauen in ihrem Land kaum mehr Zank gab“, legt es doch nahe – ein Gedanke, der Feministinnen und Matriarchatsforscherinnen geläufig ist – dass die Kämpfe zwischen den Frauen erst mit der zunehmenden Patriarchalisierung der Gesellschaft aufkamen (oder zumindest relevant wurden). Die Sage ist wundervoll – sie beinhaltet eine Vision und Kraft für uns heute, wie ich finde.

Ich finde beide Sagen beschreiben recht aussagekräftig, welch eine mächtige Göttin die Holle / Bertha war. Nicht zuletzt ist das ja auch daran erkennbar, wie präsent sie heute noch im Sagenschatz, den Märchen und dem Brauchtum ist. Kaum eine andere Gottheit hat sich so erhalten und das heidnische Brauchtum ist größtenteils als heute katholisches Brauchtum - zum Teil leicht verändert - noch lebendig.

jana, 9.1.04