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Gebote und Verbote in den Rauhnächten

Es sind vielerlei Gebote und Verbote für die Zwölften, die Rauhnächte überliefert. Im Wesentlichen drehen sie sich alle darum, dass dies eine besonders mächtige Zeit zwischen den Jahren ist mit Einfluss auf das kommende Jahr. Wobei ganz besondere Beachtung nochmals die Nacht (vor allem Mitternacht) des 24.12 also Weihnachten erhält. Ich halte es für gut möglich, dass der ursprüngliche Termin allerdings die Wintersonnwende ist.

Einige Beispiele überlieferter Verbote (bzw. Aberglaubens):

  • Jegliche Arbeit ist verboten in den Rauhnächten, sonst fällt der Wolf in die Herde und das Vieh gedeiht nicht.
  • Wer Erbsen oder Hülsenfrüchte in dieser Zeit zu sich nimmt, bekommt Krätze, Geschwüre oder Ungeziefer und stirbt im nächsten Jahr
  • Vor diesem Tage soll alles Verliehene wieder zuhause sein.
  • Alles Ackergerät muss unter Dach sein, kein Backgerät oder Holz darf vor dem Ofen liegen bleiben.

Dies ist nur ein kleiner Auszug (alles aus Sigrid Früh: Rauhnächte). Auch Backen und Spinnen sind strengstens verboten, manchmal hört man auch, auch Waschen sei verboten, auf jeden Fall aber darf die Wäsche nicht rausgehängt werden. Kommt nämlich die Wilde Jagd vorbei, kann sie die BesitzerInnen der Wäschestücke mitnehmen.

Ich muss gestehen ich fand diese Überlieferungen schon immer etwas seltsam. Lange hab ich über die Verbote nachgedacht. Eine Frau sagte mir folgendes zum Spinnverbot: Das Jahresrad steht still in den Rauhnächten, also muss auch das Spinnrad still stehen.

Die Rauhnächte sind eine heilige und sehr machtvolle Zeit zwischen den Jahren. Zum einen soll ein Teil der Verbote sicherstellen, dass diese Zeit zwischen der Zeit auch für die Menschen etwas besonderes ist, die Alltagsarbeit still steht. Zum anderen sind die Rauhnächte Lostage, das nächste Jahr kann in dieser Zeit beeinflusst oder vorausgesehen werden. Folglich hat alles, was in diesen besonderen Tagen geschieht, Einfluss auf das nächste Jahr. Ich glaube allerdings nicht, dass die Verbotsliste schon immer so lang war, wie sie jetzt ist, wenn man alle zusammenträgt. Die meisten Überlieferungen stammen meist aus dem späten Mittelalter, einer Zeit, in der heidnisches Brauchtum christianisiert und auch dämonisiert war (wenngleich auch nicht alles). Ich gehe davon aus, dass in dieser Zeit die Verbote und schlechten Omen sich sozusagen vervielfältigt haben. Das ist allerdings zugegebener Maßen eine wissenschaftlich nicht fundierte These.

Besonders interessant scheinen mir folgende Aspekte:

Spinnen, backen, Kleidung aufhängen, Verliehenes

Spinnen ist von je her eine magische Tätigkeit von Frauen und Göttinnen in unserem Kulturkreis. Warum ist also dann das Spinnen in einer solch magischen heiligen Zeit verboten. Ich denke, die Antwort lautet, das profane Spinnen ist verboten. Die Zeit soll als etwas besonderes angesehen werden, keine Alltagsarbeit darf verrichtet werden. Das Spinnen darf als nur magisch sein und von der Göttin - Holle / Percht - selbst oder von magiekundigen Frauen vorgenommen werden. Bei Sigrid Früh lautet das Spinnverbot so "In den zwölf Nächten darf nicht gesponnen werden, es tun dies bloß die Hexen."

Mit dem Backen scheint es sich in meinen Augen ähnlich zu verhalten, immerhin ist auch Backen eine hochmagische Tätigkeit genauso wie eine profane. Außerdem steht gerade auch das Backen durch die Holle-Sagen und Märchen in Verbindung mit der Holle. So kann es als profanes Backen verboten worden sein, oder vielleicht sogar als hexische Tätigkeit (Opferbrot) - aber das ist nun wirklich pure Spekulation.

Verliehenes vorher einzufordern macht gleich mehrfach Sinn: So sollte, wenn das Jahr abgeschlossen ist, möglichst nichts mehr offen und ungelöst sein, keine Verbindlichkeiten mehr ausstehen. Außerdem kann in dieser magischen Zeit davon ausgegangen werden, dass sich besonders leicht Macht über eine Person mithilfe eines Gegenstandes von ihr erreicht werden kann.

Übrigens hat auch das Verbot des Hülsefrüchten-Essens eine ähnliche Doppelbedeutung. Laut Rätsch / Müller-Ebeling sind Erbsen die Kultspeise der Elben / Elfen und Menschen wurden beim Essen elfisch-verwirrt. Sie sind auch wichtige Zutat in Liebeszaubern. Und die Bohne ist ein heidnisches Fruchtbarkeits- und wohl auch Sex-symbol, die noch vielfältige Bedeutung in italienischen Bräuchen hat. Auch hier ist das Verbot doppeldeutig. Ist es verboten, diese Früchte in den Rauhnächten zu essen, weil das Wilde Heer Anspruch auf diese Speise hat (Seligmann zitiert in Rätsch/ Müller-Ebeling) oder weil eine magische Macht davon ausgeht und die Hexen dies tun?

Das Verbot des Wäscheaufhängens (daher vermutlich auch ausgeweitet auf das Wäschewaschen) ist besonders interessant. In der Sage "Ein Reiter in den Zwölften" (Sigrid Früh, Rauhnächte) geht es darum, dass Wotan eine Bäuerin auffordert, mit ihm zu Reiten. Die Bäuerin hatte ihr Kleid zum Trocknen rausgehängt und Wotan hat somit quasi Anspruch auf sie. Sie entgeht dem, indem sie auf ihr ungeborenes Kind hinweist. Interessanterweise beschreibt die Sage, dass eine unglaubliche ungestillte Sehnsucht die Frau danach befallen hat, doch mitzureiten, nachdem sie es abgelehnt hatte. Das ist zum einen also ein deutlicher Hinweis das Menschen mit der Wilden Jagd ziehen können und zum anderen, dass ein Weg über das Wäscheaufhängen geht - in dem man quasi der Wilden Jagd eine Verbindung zu sich selbst durch das Wäschestück gibt - ähnlich wie bei dem Verliehenen.

All das spiegelt ganz wunderbar den heidnisch-magischen Charakter dieser der Rauhnächte wieder, der eben in leichten Abwandlungen bis ins Mittelalter und die Neuzeit bekannt war, ja sogar heute noch nicht verloren ist. Nicht umsonst gibt es auch Überlieferungen, dass Heilkräuter in dieser Zeit besonders wirksam sind, dass dies die Zeit ist, um Ställe und Gehöft auszuräuchern und zu schützen und schützende magische Gegenstände anzufertigen.

jana, 2.1.04